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Rosemarie Wehner von der Bertelsmann Stiftung über die Elektronische Patientenakte

7. Mai 2024

News

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte nimmt die digitale Transformation des Gesundheitswesens auch für die Patientinnen und Patienten deutlich Gestalt an – doch ist sie auch praktikabel und nützlich? Inwiefern stärkt die ePA die Perspektive der Patientinnen und Patienten?

Vor fünf Jahren haben wir – damals anlässlich der DMEA - Prof. Peter Haas nach dem Stand der ePA gefragt. Sein Fazit lautete: Die ePA ist theoretisch eine gute Sache. Praktisch mangele es jedoch noch an der Nutzerfreundlichkeit des Angebots - und vor allem auch an der Digital- und Gesundheitskompetenz der Patient:innen.

Wie sieht es heute aus? Anfang 2025 wird die ePA für alle gesetzlich Versicherten eingeführt – wer sie nicht nutzen möchte, muss aktiv widersprechen. Welche Vorteile bringt die elektronische Patientenakte für die Patient:innen, welchen Nutzen haben die Gesundheitsanbieter, allen voran die Ärztinnen und Ärzte? Werden die Menschen die ePA überhaupt annehmen? Dazu haben wir Rosemarie Wehner, Senior Project Manager im Bereich Gesundheit der Bertelsmann Stiftung befragt:

Rosemarie Wehner, Senior Project Manager, Programm Gesundheit, Bertelsmann Stiftung (c) Lopata
Rosemarie Wehner, Senior Project Manager, Programm Gesundheit, Bertelsmann Stiftung (c) Lopata
 
Frau Wehner, unser Stiftungsteam hat vier Mitarbeitende – davon hat sich genau eine Person für die ePA angemeldet, allerdings nutzen ihre behandelnden Ärzt:innen sie noch nicht. Insgesamt verfügen – laut Bundesregierung im Sommer 2023 - noch nicht einmal ein Prozent der Versicherten gegenwärtig über die ePA, und nur wenige Arztpraxen bieten an, Daten auf die ePA zu laden. Währenddessen reichen Versicherte bereits heute Widerspruch gegen die künftige ePA-Nutzung bei ihren Krankenkassen ein. Wie nehmen Sie das Thema gerade wahr?

Wir müssen uns noch einmal das ursprüngliche Ziel vor Augen halten, welches vor dem Hintergrund der ePA-Einführung steht: Für uns ist es jenes, die ePA als Behandlungsmanagement-Plattform zu nutzen und sie als solche zu „leben“. Das Ziel ist, vorsichtig ausgedrückt, noch nicht erreicht, wir sind aber auf dem Weg dorthin. Wichtig sind dabei zwei wesentliche Punkte:

  • Die ePA muss technisch funktionsfähig sein, so dass sowohl von Patientenseite als auch von Leistungserbringerseite ein klarer Mehrwert zu erkennen und zu spüren ist.
  • Eine gut ausgereifte Kommunikationskampagne fehlt uns noch. Wir denken nicht, dass dies allein den Krankenkassen zu überlassen ist, die bei der ePA in einem Wettbewerbsverhältnis zueinanderstehen.

Abschließend ist zu sagen, dass „ePA-Opt-Out“ ja erst ab Januar 2025 greift.

Zunächst einmal bedeutet die ePA ja für alle Beteiligten Mehraufwand: Die Patienten und Patientinnen müssen sich damit auseinandersetzen, ob und welchem Gesundheitsanbieter sie Einblick in welche Daten gewähren, die Gesundheitsanbieter müssen die technischen Voraussetzungen schaffen, die Patient:innen aufklären, die Daten in die ePA hochladen und dokumentieren, die Kassen müssen diese Leistungen bezahlen, und ab dem kommenden Jahr auch die Widersprüche zur ePA verwalten. Wo sehen Sie zurzeit die größte Hürde?

Aus strategischer Sicht kann die ePA als Behandlungsmanagement-Plattform erst funktionieren, wenn alle „drin“ sind (Opt-Out Modell).

Und wenn die alte Telematikinfrastruktur durch das neue Modell der Gesundheits-ID abgelöst wurde. Die Haupthürde ist die fehlende konkrete Nutzenerfahrung der Vernetzung für Ärzt:innen und Patient:innen (weil es technisch nicht sauber funktioniert, weil aber auch die Kultur der vernetzten Zusammenarbeit noch nicht überall funktioniert). Grundsätzlich fehlen eine klare übergeordnete Strategie und Für-Sprechende, die den Prozess positiv begleiten.

Zum Jahresende 2025 sollen nach Wunsch des Bundesgesundheitsministeriums sogar 80 Prozent der Bevölkerung die ePA nutzen – wie realistisch scheint Ihnen das? Und wie lassen sich Ihrer Meinung nach Ärzteschaft und Patient:innen von der ePA überzeugen?

Zunächst einmal ist es ja gut, dass ein klares Ziel definiert wird, welches erreicht werden soll. Der derzeitige Diskussionsstand zeigt, dass das Ganze nicht so einfach ist. Trotz „ePA-opt-Out“ brauchen wir diejenigen, die eine ePA befüllen und sie als Behandlungsmanagement-Plattform nutzen. Wie oben bereits beschrieben, sind zwei Punkte entscheidend: Technische Funktionsfähigkeit und Aufklärung der Nutzungsvorteile.

Stichwort Gesundheitskompetenz und Patientensouveränität: In Deutschland gelten rund zwei Drittel der Menschen als nicht besonders kompetent im Umgang mit Gesundheitsinformationen und damit einhergehenden Entscheidungen für die eigene Gesundheit. Hinzu kommt, dass vor allem ältere Menschen nicht unbedingt das erforderliche Maß an Digitalität haben, um souverän mit einer elektronischen Akte umzugehen. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht erforderlich, damit die Menschen zum einen tatsächlich kompetenter in Bezug auf die eigene Gesundheit werden und zum anderen aber auch eine (weitere) Überforderung vor allem älterer Patient:innen verhindert wird?

Das Thema Gesundheitskompetenz und auch Digitale Gesundheitskompetenz ist nicht neu. Das Wort „Digitale“ erscheint etwas neuer.

Die Grundfrage aber bleibt: „Wie schaffen wir mehr Eigenverantwortung für die eigene Gesunderhaltung oder das Gesundwerden?“

Dazu gibt es verschiedenen Modelle und Ansätze, die in der Praxis bereits ausprobiert werden und die der Gesetzgeber versucht ins System zu bekommen, wie Gesundheitskioske, Community Health Nurses und die Unabhängige Patientenberatung. Wie das Ganze aufgebaut sein soll und wer dafür verantwortlich, insbesondere finanziell verantwortlich ist, dazu wird zurecht kontrovers diskutiert.

Alle sind sich dennoch einig, dass solche beratende Unterstützungs- und Lotsenfunktionen wichtig sind. Zusammen mit einem zunehmenden Einsatz digitaler Lösungen und Anwendungen im Gesundheitsbereich erscheint das Ganze noch komplexer. Digitalisierung kann hier allerdings eine große Chance sein. Man kann sich physische Strukturen „sparen“, man erreicht insbesondere die jüngere unaufgeklärte Generation, die wiederum die ältere Generation überzeugen und die Brücke schlagen kann.

Mehr Verantwortungsbewusstsein zu schaffen bedeutet nicht nur mehr Verantwortungsbewusstsein für die eigene Gesundheit, sondern auch für die der Mitmenschen, die Hilfe benötigen.

Nach all den kritischen Fragen zum Abschluss noch etwas Optimistisches: Wo sehen Sie den größten Benefit der ePA für die Patient:innen?

Ich finde, der Nutzen liegt klar auf der Hand: Verbesserung der Versorgungsqualität durch Transparenz über die Diagnosen, Behandlungen und Therapien sowie durch optimale Vernetzung der Leistungserbringer.

Weiterhin ist die Möglichkeit des Austauschs unter den Leistungserbringern und die Beteiligung des Patienten Goldwert. Die größte Herausforderung liegt darin, zu zeigen, dass sich die Behandlungsqualität erhöht und die Angst vor Datenschutzproblemen zu nehmen. Vor diesen könnte man auch heute schon Angst haben. Ein ePA macht die Versorgung transparenter und effektiver - und nicht zugänglicher für Hacker.

Gütersloh/Hamburg, im Mai 2024


Rosemarie Wehner ist Senior Project Manager in der Bertelsmann Stiftung und arbeitet dort im Programmbereich Gesundheit.

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